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Predigten & Texte

Ausgewählte Predigten, Andachten, Bibelauslegungen und Texte zu Kirche und Gesellschaft – entstanden aus der Arbeit mit biblischen Texten und aus Begegnungen im kirchlichen Alltag.

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Die Sammlung wird schrittweise erweitert. Anlass, Bibeltext, Sprache und Publikationsstatus werden klar gekennzeichnet. Vollständige Manuskripte und Downloads erscheinen nur dort, wo Rechte und redaktionelle Fassung geklärt sind.

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Andacht
Deutsch
Kurzfassung

Ich bin das Brot des Lebens

Johannes 6,35

Eine kurze predigtähnliche Ansprache im Rahmen eines Brunch-Gottesdienstes. Sie verbindet die Erfahrung gemeinsamer Mahlzeiten mit Jesu Zusage, den tieferen Hunger des Menschen zu stillen.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Gott zu Gast

Hebräer 13,1–3

Gastfreundschaft als geistliche Haltung: Gott begegnet uns in Christus, in seinem Wort und verborgen im fremden oder bedürftigen Menschen vor unserer Tür.

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Predigtmanuskript

Gott zu Gast

Wochenspruch

«So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.» |

Eph 2,19 Zum Impuls Eph 2,19

Hebräer 13

1Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Gott zu Gast

Predigt über Hebräer 13,1–3

I. Alles geben, nichts erwarten, dankbar bleiben

Liebe Gemeinde, bevor ich Pfarrer wurde, habe ich wie die meisten von euch wissen ein viertel Jahrhundert in der Hotellerie gearbeitet. Und wenn mich heute jemand fragen würde: Gibt es aus deinem früheren Leben und aus dieser langen Erfahrung ein allgemeines Gesetz für Glück, einen Satz, der alles Erfahrene zusammenfasst? Ich würde wahrscheinlich mit dem Satz antworten: «Alles geben, nichts erwarten und dabei dankbar bleiben.»

In der Hotellerie lernt man das in der Regel früh genug: Der Gast ist König. Er zahlt deinen Lohn, deine Ferien, dein Hobby. Du gibst dein Bestes und weißt nie so recht, was zurückkommt. Aber Gäste spüren i.d.R rasch, ob der Service mit Herz und Seele dabei ist, ob man sie gern hat. Und ich will an der Stelle mit einem weit verbreiteten Vorurteil abrechnen: «Es ist nicht das Trinkgeld».

Aber verstehen wir den Satz nicht falsch: Es geht nicht um Selbstaufgabe, nicht darum, sich ausbeuten zu lassen oder gesunde Grenzen preiszugeben. Es geht um ein dienendes Herz, das Gott vorlässt, weil es weiss, dass alles von Ihm, für Ihn und durch Ihn ist. Genau darum sollen wir gute Gastgeber sein, weil Gott selbst einer ist.

II. Kann man Gott begegnen?

Als Kind wollte ich unbedingt wissen, wie Gott aussieht. Die biblischen Geschichten haben mich fasziniert: Mose am brennenden Dornbusch, Abraham unter den Eichen. Diese Menschen hatten Gott getroffen, haben Ihn gesehen! Und ich wollte das auch. Ich wollte Gott persönlich kennenlernen, Ihm begegnen. Meine Eltern sagten mir damals, dass eine solche Begegnung grundsätzlich möglich sei. Gott kommt manchmal nachts, im Traum.

Also betete ich, Abend für Abend, eine ganze Zeit lang: Gott, zeig dich mir. Ich schlief ein voller Erwartung und wachte auf, und da war nichts. Es geschah nichts. Und wie das so ist bei Kindern: Mit der Zeit vergass ich diesen einen Wunsch und meine Gebete dafür.

Vor Kurzem nun stellte mir meine fünfjährige Tochter beinahe dieselbe Frage: Papa, wie sieht Gott aus? Kann ich Ihn sehen? Und was, meint ihr, habe ich geantwortet? Genau: «Gott kommt manchmal nachts Schatz, im Traum.» Seither träumt sie davon, wie Jesus auf einem weißen Pferd wiederkommt. So, hat sie mir ganz ernsthaft vor kurzem erklärt, gefalle ihr Jesus am besten. Ich musste lächeln und ihr innerlich doch noch ein wenig recht geben. Sie hat da ein Bild aus der Offenbarung aufgeschnappt, an dem gar nichts falsch ist.

Aber ihre Frage hat mich nicht mehr losgelassen. Denn es ist ja meine Frage geblieben, seit damals. Und vielleicht ist es auch eure: Kann man Gott wirklich in diesem Leben noch begegnen, kann man ihn hier auf der Erde sehen?

Der Hebräerbrief gibt am Anfang vom 13 Kapitel eine überraschende Antwort: «Ja! Man kann es nicht nur. Man hat es schon des häuferen gemacht» «Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.»

Ohne ihr Wissen. Merken wir uns das: Gott begegnet uns oft nicht dort, wo wir ihn suchen, sondern dort, wo wir aus reinem Herzen einfach dienen.

III. Zwei offene Türen: Abraham und Lot

Wenn der Hebräerbrief von unerkannt beherbergten Engeln spricht, denkt er an Geschichten, die seine Leser gut kannten. Zwei davon schauen wir uns etwas genauer an, mit sehr unterschiedlichem Ausgang wohlgemerkt.

Die erste beginnt an einem heissen Mittag. Die Hitze des Tages hat sich bereits über das ganze Land gelegt. Abraham sitzt am Eingang seines Zeltes bei den Eichen von Mamre. Da hebt er die Augen: Drei Männer stehen vor ihm. Drei Fremde. Er wartet nicht, bis sie um etwas bitten, er läuft ihnen entgegen. Ein alter Mann läuft, in der Mittagshitze! Er verneigt sich zur Erde und bittet: Geht nicht vorüber. Man bringe euch Wasser, wascht eure Füße, ruht euch aus unter dem Baum. Ich hole euch einen Bissen Brot.

Einen Bissen Brot, sagt er und setzt dann das ganze Haus in Bewegung: Sara backt Fladen aus feinem Mehl, ein zartes Kalb wird zubereitet, Butter und Milch kommen noch dazu. Aus dem Bissen Brot wird ein Festmahl. Abraham gibt nicht das Nötigste, er gibt großzügig, beinahe verschwenderisch. Und während er unter dem Baum steht und seinen Gästen dient, geschieht es. Einer der Gäste sagt: «Fürwahr, übers Jahr werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara, deine Frau, einen Sohn..» (1. Mose 18,10) Sara lacht hinter dem Zelteingang in sich hinein. Ich!? Wohl nicht! Zu alt, zu spät. Unmöglich. Herr, weck doch keine falschen Erwartungen. Die Züricherbibel bringt es auf dem Punkt in Vers 12: «Nun da ich verbraucht bin, soll ich noch Liebeslust empfinden» Doch der Gast fragt: Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Der anscheinend Fremde wiederholt sein Wort noch deutlicher: «Übers Jahr um diese Zeit werde ich wieder zu dir kommen. Dann hat Sara einen Sohn» Da begreift Abraham, wen er bewirtet hat. Es war Gott. Gott selbst war zu Gast an seinem Tisch. Warum konnten Ihn seine Augen nicht erkennen? Warum konnten die Emmausjünger Jesus nicht erkennen, dabei lief er eine ganze Weile mit Ihnen. Erst beim Brotbrechen geschieht es. War es die tiefe Trauer, die stechende Sonne. Ich weiss es nicht. Oft sieht man das Wesentliche nicht mit den äusseren Augen am Kopf, sondern mit den Herzensaugen im inneren, im Geist. Darum ist, finde ich nicht nur Erkenntnis von Gott wichtig, sondern auch ein gottesfürchtiger Charakter, ein dienendes Herz eben.

Die zweite Geschichte steht ein Kapitel weiter, und endet leider etwas anders. Zwei der Boten, die bei Abraham waren, ziehen am Abend weiter nach Sodom. Dort sitzt Lot, Abrahams Neffe, im Stadttor. Auch er steht auf, verneigt sich, lädt die Fremden ein. Sie wollen aber nicht mitkommen: «Wir übernachten auf dem Platz.» sagen sie. Aber Lot lässt nicht locker, bis sie mitkommen. Warum wohl? Er kennt seine Stadt gut. Er weiß, was Fremden dort nachts geschehen kann.

Und in der Nacht zeigt sich, wie tief diese Stadt zerrüttet ist. Männer der Stadt umstellen das Haus und fordern die Gäste heraus. Sie sehen in den Fremden nicht Menschen mit einer Würde, nicht Gäste unter dem Schutz des Hauses. Sie sehen Objekte für ihre Gewalt. Das Gastrecht, im ganzen Alten Orient heilig, wird mit da Füßen getreten. Gesetzlosigkeit und Entmenschlichung haben in Sodom jede Form von Liebe und Gastfreundschaft zerfressen. Lot stellt sich schützend vor seine Gäste. Die Bibel zeigt einen Mann, der das Richtige will, in einer Stadt, in der Recht und Erbarmen nichts mehr gelten. Am Ende müssen die Boten ihn retten, nicht er sie. Der Prophet Hesekiel hat später beim Namen genannt, worin die Schuld Sodoms bestand: Hochmut, Überfluss und sorglose Ruhe. Und dass sie dem Armen und Elenden nicht halfen (Hesekiel 16,49).

Und doch für lot gab es Hoffnung. Als Gott die Städte vernichtete, heißt es, «gedachte er an Abraham» und geleitete Lot aus der Zerstörung (1. Mose 19,29). Gott vergisst nicht, er gedenkt er der Seinen.

IV. Was die Liebe erkalten lässt

«Bleibt fest in der brüderlichen Liebe», übersetzt Luther unseren ersten Vers. Im griechischen Grundtext steht ein knapper, fast feierlicher Satz: Ἡ φιλαδελφία μενέτω «Die Bruderliebe bleibe!» Wenn die Liebe aber bleiben soll, dann heißt das: Sie ist bedroht. Sie kann auch gehen. Sie kann erkalten. Sonst wäre es der Erwähnung nicht wert. Was also lässt die Liebe erkalten? Ich sehe in der Schrift vier Gefahren.

Die erste Gefahr ist die Gesetzlosigkeit. Jesus sagt in seiner Endzeitrede: «Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.» (Matthäus 24,12) Wo Luther «Ungerechtigkeit» schreibt, steht im Griechischen ἀνομία – anomía: wörtlich Gesetzlosigkeit. Gemeint ist die Missachtung des göttlichen Willens, die Auflösung moralischer Verantwortung, der Zustand, in dem nichts mehr gilt und darum scheinbar alles erlaubt ist. Gesetzlosigkeit wirkt auf die Liebe wie salzige Meeresluft auf blankes Eisen: Man sieht zuerst nichts, aber Tag für Tag legt sich ein kalter, feuchter Hauch auf das Metall, und der Rost frisst sich still hinein - bis das, was tragen sollte, bricht. So erkaltet Liebe: schleichend, überall dort, wo nichts mehr verbindlich ist. Denn wo alles erlaubt scheint, wird der andere zum Mittel für die eigenen Wünsche. Wo Treue, Wahrheit und Verantwortung bedeutungslos werden, verliert die Liebe ihre Verlässlichkeit. Gesetzlosigkeit macht die Liebe nicht frei. Sie macht sie kalt. Wir lieben nicht, um uns den Himmel zu verdienen; der ist in Christus geschenkt. Aber wer die Liebe bewahren will, muss sie schützen.

Die zweite Gefahr ist die Gleichgültigkeit. Jesus erzählt ein Gleichnis: Ein Mensch liegt ausgeraubt und halbtot am Weg von Jerusalem hinab nach Jericho. Ein Priester kommt, sieht ihn – und geht vorüber. Ein Levit kommt, sieht ihn – und geht vorüber. Beide sehen. Beide gehen vorbei. Dann kommt ein Samariter, ein Fremder, ein Verachteter. Auch er sieht den Verwundeten – aber dann heißt es: «und als er ihn sah, jammerte es ihn» (Lukas 10,33). Er lässt sich unterbrechen, steigt ab, verbindet, trägt, bezahlt. Das Gegenteil von Liebe ist eben nicht nur der Hass. Oft ist es die Gleichgültigkeit. Der Hass sieht den anderen wenigstens noch; die Gleichgültigkeit sieht durch ihn hindurch. Sie sagt, ohne es auszusprechen: Dein Schmerz betrifft mich nicht. Sie lässt Beziehungen äußerlich bestehen – unter einem Dach, in derselben Kirchenbank –, während die innere Anteilnahme längst gestorben ist. Und am Ende schützt sie immer dasselbe: die eigene Bequemlichkeit, auf Kosten des Nächsten. Genau dagegen setzt der Hebräerbrief sein drittes Wort: «Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.» Gedenken heißt in der Bibel nie bloß: sich erinnern können. Gedenken heißt: sich hineinziehen lassen. Als wärt ihr Mitgefangene! Christliche Erinnerung ist mitfühlende Beteiligung – mit dem Herzen, mit den Füßen, mit den Händen.

Die dritte Gefahr ist das Vergessen. Durch das ganze Alte Testament zieht sich wie ein Alarmruf die Warnung: Hüte dich, dass du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst! So schärft es Mose dem Volk ein, kurz bevor es das verheißene Land betritt (5. Mose 6,12; 8,11). Und immer verbindet er es mit demselben Rückblick: Vergiss nicht, dass du selbst Sklave warst in Ägypten und dass der Herr dich herausgeführt hat mit mächtiger Hand (5. Mose 5,15; 15,15). Warum ist diese Erinnerung so wichtig? Weil sie die Quelle der Barmherzigkeit ist. Der Fremde vor deiner Tür, der Arme, der Abhängige – das warst du, Israel! Darum gilt: Wer vergisst, dass er selbst Gnade empfangen hat, wird hart gegenüber denen, die Gnade brauchen. Das Vergessen verwandelt Dankbarkeit in Anspruchsdenken – mir steht das alles zu. Es lässt den Geretteten auf die Bedürftigen herabsehen. Es schneidet den Wohlstand von heute ab von der Geschichte der empfangenen Hilfe – als hätte es nie eine offene Hand gegeben, die uns hielt. Mose nennt diese Selbsttäuschung beim Namen: «Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen.» (5. Mose 8,17) Wer so redet, lebt, als hätte er sich selbst erlöst. Und nun hören Sie noch einmal unseren Predigttext: «Gastfrei zu sein vergesst nicht!» Dieses Vergessen ist kein Gedächtnisproblem. Niemand vergisst die Gastfreundschaft, wie man einen Schirm im Zug vergisst. Es ist eine geistliche Gleichgültigkeit: Man weiß es noch – aber es bewegt einen nicht mehr.

Die vierte Gefahr ist der satte Wohlstand. Der erhöhte Christus diktiert in der Offenbarung einen Brief an die Gemeinde in Laodizea, einer reichen Handelsstadt, und hält ihr den Spiegel vor: «Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.» (Offenbarung 3,17) Wohlstand ist an sich keine Sünde – Abrahams Reichtum machte seine Gastfreundschaft ja erst möglich. Gefährlich wird er dort, wo er die Illusion völliger Selbstgenügsamkeit erzeugt: Ich brauche nichts – und niemanden. Wer glaubt, niemanden zu brauchen, verlernt die Gemeinschaft. Wer meint, alles absichern zu können, glaubt bald, auch Gott nicht mehr zu benötigen. Besitz kann den Tisch vergrößern – und zugleich das Herz verkleinern. Und das eigentlich Erschütternde an Laodizea: Es ist eine Gemeinde, der das gesagt wird! Sie hält sich für reich, aber Christus steht draußen. Sie besitzt vieles, doch dem Herrn des Hauses hat sie keinen Raum mehr gelassen. Darum das berühmte Wort: «Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.» (Offenbarung 3,20) Wir haben diesen Vers oft als Einladung an den Einzelnen gehört, Christus ins eigene Leben zu lassen – und so darf man ihn auch hören. Aber zuerst gilt er einer satten, selbstzufriedenen Gemeinde: Christus will wieder hinein zu den Seinen, an ihren Tisch, in erneuerte Gemeinschaft. Der Herr klopft an, bei seiner eigenen Kirche.

Vier Gefahren also: Gesetzlosigkeit, Gleichgültigkeit, Vergessen und satter Wohlstand. Vier kalte Winde über der Liebe. Wovon aber lebt die Liebe, was stärkt sie? Auch darauf antwortet die Schrift – mit vier Bewegungen.

V. Was die Liebe stärkt

Zunächst: näherkommen in die Gegenwart Gottes. Den Ruf Gottes hören und ihn folgen. Dann, an zweiter Stelle kommt «aus der Quelle trinken». Bei Jeremia klagt Gott über sein Volk: «Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und das Wasser nicht halten.» (Jeremia 2,13) Die Liebe kann auf Dauer nicht aus bloßer Willenskraft leben. Wer ständig geben soll, ohne selbst aus Gottes Gnade zu empfangen, wird leer. Und wer leer ist, wird mit der Zeit auch noch bitter. Die Quelle christlicher Liebe ist nicht unsere Selbstoptimierung. Die Quelle ist Christus selbst. Der Frau am Jakobsbrunnen verspricht er ein Wasser, das im Menschen selbst zur «Quelle des Wassers» wird, «das in das ewige Leben quillt» (Johannes 4,14). Und am Fest in Jerusalem ruft er: «Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!» Und der Evangelist erklärt: Das sagte er von dem Heiligen Geist (Johannes 7,37.39). Wo finden wir diese Quelle ganz praktisch? Wir lernen Gottes Stimme, Gottes Wesen und Gottes Willen durch die Heilige Schrift kennen. Das Wort Gottes korrigiert uns und erneuert unser Herz. Nicht umsonst vergleicht der erste Psalm den Menschen, der über Gottes Weisung nachsinnt, mit einem «Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit» (Psalm 1,3). Darum: Wer aus der Quelle lebt, muss Liebe nicht künstlich produzieren. Er empfängt, was durch ihn zu anderen fließen soll.

Das dritte Merkmal heißt: Gemeinschaft suchen und Unterschiede aushalten. Christliche Gemeinschaft besteht nicht nur aus Menschen, die einander ähnlich sind. Und wenn wir ehrlich sind, es ist nicht immer ganz einfach. Gemeinde ist der Ort, an dem Christus Menschen zusammenführt, die einander vermutlich nie ausgewählt hätten: alt und jung, still und laut, hier verwurzelt und zugezogen, fromm auf diese und fromm auf jene Weise. Liebe wird nicht dadurch stark, dass die Unterschiede verschwinden, sondern indem Menschen lernen, einander in Christus anzunehmen. «Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob», schreibt Paulus (Römer 15,7). Und: «Ertragt einer den andern in Liebe» (Epheser 4,2); «ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander» (Kolosser 3,13). Ertragen, aushalten.

Das vierte Merkmal heißt: die Gastfreundschaft einüben. Gastfreundschaft entsteht nicht automatisch. Sie fällt nicht vom Himmel; sie will geistlich eingeübt sein Sie ist wie tägliches Training. Kein Sportler wird durch einen einzigen Trainingstag stark; geistliche Haltungen entstehen durch Übung. Wer nur dann gastfreundlich sein möchte, wenn es bequem ist, wird es selten schaffen, denn bequem ist es fast nie. Gastfreundschaft braucht Zeit, Planung, Verzicht und die Bereitschaft, sich unterbrechen zu lassen.

VI. Philadelphia und Philoxenia

Zwei Worte aus dem Grundtext tragen diese ganze Bewegung in sich. Das erste steht in Vers 1: φιλαδελφία – philadelphía. «Die Bruderliebe bleibe»: Ἡ φιλαδελφία μενέτω. Philadelphía ist die Bruderliebe, die geschwisterliche Liebe – die Liebe unter denen, die durch Christus zu Brüdern und Schwestern geworden sind. Und das Verb μένω – ménō heißt: bleiben, fortbestehen, nicht abbrechen, nicht erkalten. Es ist dasselbe Wort, mit dem Jesus sagt: «Bleibt in meiner Liebe!» (Johannes 15,9)

Das zweite Wort steht gleich im nächsten Vers: φιλοξενία – philoxenía, zusammengesetzt aus φίλος – phílos: der Freund, der Liebende, der Zugewandte – und ξένος – xénos: der Fremde, der Gast. Philoxenía heißt also wörtlich: Liebe zum Fremden, gastfreundliche Aufnahme des Fremden. Was wir etwas altmodisch «Gastfreundschaft» nennen, ist im Griechischen eine art «fremdfreundschaft»

VII. Die kleine Kraft von Philadelphia

Philadelphia – so hieß übrigens auch eine antike Stadt in Kleinasien, auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Ihr Name bedeutet genau das: Bruderliebe. Und an die Gemeinde in dieser Stadt richtet der Christus in der Offenbarung eines seiner schönsten Worte: «Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet.» (Offenbarung 3,8) Eine kleine Kraft! Diese Gemeinde ist klein, ohne Einfluss, ohne beeindruckende Möglichkeiten. Aber sie hat am Wort Christi festgehalten und seinen Namen nicht verleugnet. Und ihr verspricht Christus Großes: eine geöffnete Tür, die niemand zuschließen kann; Bewahrung in der Stunde der Prüfung; und wer überwindet, den will er zum Pfeiler im Tempel seines Gottes machen und auf ihn den Namen Gottes und des neuen Jerusalem schreiben (vgl. Offenbarung 3,10.12).

VIII. Christus, der wahre Gastgeber

Jesus sagt im Gleichnis vom Weltgericht: «Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.» (Matthäus 25,35) Christus hat sich in besonderer Weise mit den Hungrigen, den Fremden, den Kranken und den Gefangenen identifiziert, so vollständig, dass er sagt: Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.

IX. Gott war schon zu Besuch

Kommen wir zurück zu der Frage des Kindes, das ich einmal war, und der Frage meiner Tochter: Kann man Gott wirklich begegnen? Ja. Gott begegnet uns in Jesus Christus. Er begegnet uns durch sein Wort, das uns beim Namen ruft wie Mose am Dornbusch – vielleicht heute Morgen, in diesem Gottesdienst. Er begegnet uns im Wirken seines Geistes, der die Quelle in uns öffnet. Und immer wieder begegnet er uns verborgen: im Nächsten, der vor unserer Tür steht.

Das Kind, das ich war, hat nachts auf einen Traum gewartet – und gemeint, es sei nichts geschehen. Heute denke ich: Vielleicht wartete Gott damals schon an einer anderen Tür auf mich. Die Begegnung mit Gott muss nicht so aussehen, wie ein Kind sie sich ausmalt – und auch nicht so, wie ein Erwachsener sie sich ausmalt. Eines Tages, sagt die Schrift, wird Christus sichtbar wiederkommen, in Herrlichkeit – meine Tochter träumt da gar nicht so falsch. Aber bis dahin kommt Gott leiser. Vielleicht begegnet er uns in einem Menschen, der einen Platz am Tisch braucht. In einem einsamen Nachbarn, dessen Tür immer geschlossen bleibt. In einem Gefangenen, an den niemand mehr denkt. In einem Fremden, dessen Sprache wir nicht verstehen. Im eigenen Ehepartner, dem wir nach all den Jahren wieder neu zuhören dürfen. In den Fragen unserer Kinder, die uns zu Gott führen, wenn wir sie ernst nehmen. Und in seinem Wort, das uns heute beim Namen ruft.

Zum Schluss lege ich Ihnen den Wochenspruch noch einmal ins Herz, als Zuspruch für diese Woche: «So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.» (Epheser 2,19) Das ist keine Aufgabe, das ist eine Tatsache. Ihr seid schon aufgenommen. Die Tür ist schon offen. Der Tisch ist schon gedeckt. Ihr müsst euch den Platz im Haus Gottes nicht verdienen – Christus hat ihn euch erworben, draußen vor dem Tor. Geht als Hausgenossen Gottes in diese Woche. Und haltet die Tür offen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Ein dienendes Herz

Deuteronomium 7,6–12

Eine Predigt über Erwählung als Geschenk und Auftrag: Gottes Liebe gründet nicht in unserer Leistung, sondern ruft zu Dankbarkeit, Verantwortung und einem dienenden Leben.

Andacht
Deutsch
Kurzfassung

Fürchte dich nicht – ich habe dich erlöst

Jesaja 43,1

Eine seelsorgerliche Andacht über Gottes persönliche Anrede, seine Treue und die Hoffnung, auch in unsicheren Lebensphasen beim Namen gerufen zu sein.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Einladung zum Fest Gottes

Lukas 14,15–24

Gottes Einladung gilt weit und ohne Ansehen der Person. Die Predigt deutet das Drängen des Gleichnisses als Hartnäckigkeit der Gnade und fragt, wie Kirche selbst einladend wird.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Gesegnet, um Beziehung mit Gott zu haben

Numeri 6,22–27

Der Aaronitische Segen zeigt den dreieinigen Gott, der sich Menschen zuwendet, sie bewahrt, ihnen Gnade schenkt und seinen Schalom in Beziehungen legt.

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Predigtmanuskript

Gesegnet, um Beziehung mit Gott zu haben

«22 Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.»
Numeri 6,22-27

Predigt - Gesegnet, um Beziehung mit Gott zu haben

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. 24Der Herr segne dich und behüte dich; 25der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen
Vielleicht fragst Du Dich, war das soll? Direkt nach der Einführungsworte kommt der Segen. Will Emanuil in die Geschichte eingehen mit der kürzesten Predigt, die es geben kann? Nein, das sicher nicht, aber die heutige Predigt hat mit dem Segen zu tun. Und er kommt auch, ganz sicher zum Schluss noch einmal.

Liebe Gemeinde,

Heute tauchen wir zu Beginn schon in die Welt des dunklen Mittelalters ein, es ist das Jahr 1285. Man erzählt, Kaiser Friedrich II habe wissen wollen, welche Sprache neugeborene Kinder zuerst sprechen würden, wenn niemand mit ihnen redet. Darum sollen neugeborene Kinder in einer Burg zwar versorgt worden sein, gestillt und trockengelegt, man hat jedoch nichts mit ihnen gesprochen, kein einziges Wort, keine liebevollen Gesten, keine Zuwendung, nichts. Der Chronist berichtet, über den Verlauf des Vorhabens. Eins nach dem anderen starben die Kinder. Es starben alle, wahrscheinlich verzweifelt, entfremdet, zwecklos. Die Kinder konnten ohne Zeichen der Nähe, ohne ein freundliches Gesicht, ohne menschliche Zuwendung nicht überleben. Und hätten sie sich ausdrücken können, hätten die Versorgerinnen die Zeichen von ihrem Gesicht richtig interpretiert, hätten sie ganz sicher ein Schrei bis zum Himmel gehört, der da sagt: «ich lebe nicht von Milch allein». Ja, der Mensch lebt nicht von Brot allein, nicht von Reis, nicht von Kartoffelbrei. Denn man ist nicht dafür geschaffen nur biologisch zu existieren. Der Mensch sucht nicht nur Beziehungen, er braucht sie dringend, er braucht sie zum Leben. Beziehungen zu anderen und auch zu Gott. Und genau deshalb beginnt die Bibel mit Beziehung. Noch bevor die Welt geschaffen wird, lebt Gott selbst in Beziehung: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der dreieinige Gott ist kein einsamer Gott. Er lebt in ewiger Liebe, ewiger Gemeinschaft, ewiger Einheit. Und dieser Gott schafft den Menschen nach seinem Bild, haucht sein Geist ein in die «adama», d.h. rote Erde aus dem der Mensch geformt war und er wird zu einer lebendigen Seele. Ein Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, schafft ein Mensch, aus Körper, Seele, Geist.

Darum hungert der Mensch nicht nach Brot allein. Er hungert nach Liebe, nach Annahme, nach Nähe, nach Anerkennung, nach Frieden, nach Heimat. Er hungert nach einem Gegenüber, mit dem er sich austauschen kann, mit dem er sich streiten und versöhnen kann. Und genau hier setzt der Aaronitische Segen an. Denn dieser Segen ist weit mehr als ein schöner liturgischer Abschluss. Er ist Gottes persönliche Zuwendung zu seinem Volk. Nicht Besitz, Erfolg, Gesundheit, Wohlstand, sondern Beziehung. Darum heißt es: «Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir.» Gott schaut dich an. Er sieht dich. Er kennt dich und er will Gemeinschaft mit dir haben. Jesus selbst steht an der Tür deines Herzens an und klopft an. Er drängt sich nicht auf. Er kann von aussen die Tür nicht aufmachen. Gott schaut dich an. Im Alten Testament bedeutet Gottes Angesicht seine persönliche Gegenwart. Wenn Gottes Angesicht leuchtet, bedeutet das: Gott ist dir zugewandt, Gott ist nicht gegen dich, Gott verbirgt sich nicht vor dir. Er ist da. Sein Dasein, seine Präsenz, sein Licht. Und da, wo das Licht Gottes scheint, muss die Dunkelheit weichen, sie muss zwangsläufig weichen.

Das vierte Buch Mose ist auf den ersten Blick ein trockenes Buch. Es erzählt vom Wüstenleben der Israeliten, vom langen Herumirren, Krieg, Angst, Streit, Murren, Schwäche und Versagen. Und mitten hinein in diese Wüstengeschichte spricht Gott diesen Segen. Viele Menschen denken sich vielleiht, «Wenn erst alles in Ordnung ist, dann kann Gott mich segnen. Wenn ich stärker bin, frommer, Wenn ich weniger Fehler mache, wenn mein Leben geordneter ist, wenn diese Wüste vorbei ist.»
Aber ich lese in der Bibel etwas anderes. Gott segnet sein Volk mitten in der Wüste. Nicht erst danach. Er lässt Wasser aus dem Felsen fliessen und tränkt die durstigen Menschenseelen. Auch das Vieh bekommt genug zu trinken. Und wen ich ein Transfer ins Neue Testament wagen darf, so ist Jesus der Felsen, auf dem wir heute stehen. Er ist die Quelle vom Lebendigen Wasser, die nicht nur tränkt, sondern sogar fruchtbar macht. Aus dir und aus mir fliesst dann selbst das gute, süsse Wasser der Gnade Gottes. Vielleicht fühlt sich heute jemand innerlich wie in einer Wüste. Erschöpft, enttäuscht, leer, verletzt und einsam, versorgt aber ohne Frieden. Gott hat dich nicht vergessen. Der Segen Gottes beginnt nicht erst, wenn alles in deinem Leben in Ordnung ist. Er beginnt jetzt. Mitten in deinem Schmerz und Leid. Jesus sagt: Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen; ich will euch Ruhe geben. Das ist Gottes Herz. Er wartet nicht, bis wir stark genug sind. Er ist zuerst da und sucht nach einer Beziehung.

Die erste Zeile lautet: «Der HERR segne dich und behüte dich.» Zwei Verben stehen hier: segnen und behüten.

Das hebräische Wort für segnen, barak, bedeutet: Leben schenken, Kraft geben, Fruchtbarkeit ermöglichen, Gelingen schenken. Segen ist nicht bloss ein frommer Wunsch. Segen ist Gottes wirksame Zuwendung. Es ist seine Versorgung in der Not. Gott gibt, er schenkt und lässt wachsen. Gott öffnet Räume des Lebens, Türen, die geschlossen waren, eine neue Perspektive.

Aber sofort kommt das zweite Wort:

«und behüte dich.»

Das hebräische Wort schamar bedeutet: bewachen, schützen, bewahren. So wie ein Hirte seine Schafe behütet und bereit ist sein Leben für sie zu geben. So trägt und behütet dich Gott. Behüten heisst Sicherheit schaffen mitten im Krieg. Was nützt Freiheit, Gnade, Beteiligung, wenn uns die Sicherheit fehlt? Nein, Gott ist nicht nur Geber. Er ist auch Hüter. Psalm 121 sagt: Der Hüter Israels schläft nicht, noch schlummert er. Vielleicht verstehst du manches in deinem Leben nicht. Ich verstehe auch vieles nicht. Aber eines darfst du wissen: Du bist nicht schutzlos, nicht ausgeliefert, nicht vogelfrei. Gott sieht mehr, als du siehst, dein nächster Schritt und der Schritt danach, bevor du ihn noch gedacht hast. Und Gott bewahrt oft, ohne dass wir es merken. Das bedeutet nicht, dass das Leben sorgenfrei wird. Der Segen ist keine Garantie für ein bequemes Leben. Aber er ist die Zusage, dass du nicht tiefer fallen kannst als in die liebende Hand Gottes.

Die zweite Zeile lautet: «Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.»

Das hebräische Wort hinter „leuchten“ kommt aus dem Wortfeld von אוֹר, or, Licht. Schon auf der ersten Seite der Bibel spricht Gott: יְהִי אוֹר, jehi or, „Es werde Licht.“ Wo Gott spricht, wird es hell. Nicht nur die Welt wird hell durch das Wort Gottes, sondern dein Leben auch. Jetzt wird der Segen noch persönlicher. Nicht nur Gottes gebende und beschützende Hand wird hier genannt, sondern Gottes Angesicht. Im Alten Testament bedeutet das Angesicht Gottes seine persönliche Gegenwart. Mir ist aufgefallen, dass wenn ein Mensch strahlend in einen Raum kommt, dass sein Gesicht die Atmosphäre im Raum sofort verändert. Wie viel mehr verändert sich deine Trauer oder Schmerz, deine Einsamkeit, wenn Gott selbst in deinem Leben hineintritt dich freundlich anschaut.

Dann folgt: «und sei dir gnädig.»

Das Wort- וִיחֻנֶּךָּ, vichunneka, aus חנן, chanan bedeutet Gnade. Es bedeutet: Du musst und kannst dir Gottes Liebe nicht verdienen. Unsere Welt funktioniert oft nach Leistung. Wer dazu beiträgt, dass Güter und Dienstleistungen vermehrt werden, wer sich einbringt, der wird gesehen, anerkannt, gefördert. Wer Fehler macht, immer wieder, langsam ist und nicht zuhört wird schnell abgeschrieben. Im Betrieb, in der Schule und oft genug auch in der Familie. Wie oft haben wir den Satz gehört: «Schau, dass du nicht unter den Rädern kommst». Aber das Reich Gottes funktioniert anders. Erinnert euch an den einen Verbrecher, der zusammen mit Jesus am Kreuz hing. Diebstahl, Mord, Vergewaltigung, Aufstand. Ganz ehrlich, ich hätte ihm nicht vergeben. Gott sei Dank bin ich auch nicht gefragt worden. Dann erkennt dieser Verbrecher den Retter, der unschuldig am Kreuz hängt, sieht seine Schuld ein und gibt zu, dass er seine Strafe verdient. Er bittet nicht einmal um Gnade, er bittet um Erinnerung. Und Jesus, in seiner Liebe zum Menschen, vergibt ihm. «Heute wirst du mit mir im Paradies sein», in der Ewigkeit, zuhause, in Beziehung zu mir. Gott selbst schenkt dir seine Gnade. Verwirf sie nicht. So wie die Israeliten sich bücken mussten, um von dem Wasser zu trinken, das aus dem Felsen kam, und so wie sie auf die bronzene Schlange schauen mussten, die Mose in der Wüste an einer Stange aufrichtete, so müssen auch wir den Blick vom Boden heben und auf Christi Jesu richten.

Die dritte Zeile lautet: «Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.»

Auch hier geht es wieder um Gottes Angesicht. Aber nun heisst es: Gott erhebt sein Angesicht über dich. Das bedeutet: Gott schenkt dir seine volle Aufmerksamkeit. Er wendet sich dir nicht flüchtig zu. Er übersieht dich nicht. Er geht nicht achtlos an dir vorbei. Der Schöpfer des Universums sieht dich. Viele Menschen leiden darunter, nicht wirklich gesehen zu werden. Man funktioniert in seiner zugewiesenen Rolle, man ist Mutter, Vater, Mitarbeiter, Pfarrperson vielleicht, Vorgesetzter, Nachbar, Gemeindeglied. Aber tief im Innern fragt man sich: Sieht mich eigentlich jemand wirklich? Und man meint, bin ich etwas wert? Der Segen sagt: Gott sieht dich. Nicht nur deine Rolle, deine Leistung. Nicht nur das, was andere von dir erwarten. Gott sieht dich als Mensch. Mit deiner Freude, Schmerz und Hoffnung.Und was schenkt er dir? Frieden.

«… und gebe dir Frieden»

Das hebräische Wort lautet: Schalom. Schalom bedeutet viel mehr als Abwesenheit von Konflikten. Schalom ist mehr als ein ruhiger Abend zuhause mit einem Glas Wein auf dem Sofa in einem seltenen Moment der Ruhe. Mehr als ein Tag ohne Stress, ohne Streit. Schalom, bedeutet Ganzheit. Heil. Geordnete Beziehungen. Innere Ruhe. Sicherheit und Geborgenheit. Leben, verborgen in Gott. Schalom bedeutet: Das Leben kommt wieder an seinen richtigen Platz, in Beziehung zu Gott.

Ich erinnere mich an eine Situation aus meiner Arbeit in der Hotellerie.

Eines Abends kam ein arabischer Gast an die Rezeption. Freundlich begrüsste ich ihn: «Salam aleikum» Friede sei mit dir.

Zu meinem Erstaunen antwortete er nicht. Ich dachte zuerst, er hätte mich vielleicht nicht gehört oder falsch verstanden. Also wiederholte ich die Begrüssung. Wieder keine Antwort.

Das war sehr unüblich. Ich hatte oft mit arabischen Gästen zu tun, und normalerweise bleibt dieser Gruss nicht unbeantwortet. Es sei denn man hat sich in der Nationalität geirrt. Inder zum Beispiel finden es nicht so toll, wenn man sie so begrüsst. Aber es war ein Araber, ich war beim Check in dabei.

Kurz darauf verstand ich, warum er nicht antwortete: Er wollte mir keinen Frieden wünschen. Er wollte sich beschweren.

Es war Hochsommer, tagsüber 37 Grad Aussentemperatur, am Abend deutlich kühler. In seinem Zimmer war es ihm zu warm. Er wollte das Fenster in der Nacht nicht öffnen, weil er Angst vor Insekten hatte. Die Klimaanlage konnte die Temperatur nur ungefähr fünf Grad unter die Aussentemperatur senken, aber nicht auf 18 Grad, wie er es gewohnt war.

In der Schweizer Hotellerie wird es allmählich zum Thema. Wegen Bauvorschriften und Heimatschutzregelungen ist es nicht überall einfach, moderne Klimaanlagen einzubauen. Wir hatten bereits zwei Ventilatoren ins Zimmer gebracht. Das Hotel war komplett ausgebucht. Ich konnte dem Gast schlicht nicht mehr helfen, ausser einem kühlen Getränk mit viel Eis anbieten. Zwei Stunden später stand eine schlechte Google-Bewertung im Internet.

Warum erzähle ich das?

Weil mir diese Situation etwas gezeigt hat: Menschen verlieren ihren Frieden oft sehr schnell. Wegen Enttäuschung, Ärger, verletzter Erwartungen. Und manchmal gönnt man anderen den Frieden nicht mehr, weil man selbst keinen Frieden hat. Menschen können heute schnell den Schalom verlieren und sich in einer Abwärtsspirale vom Hass und Verbitterung begeben! Aber Jesus sagt auch heute: Meinen Frieden gebe ich dir. Nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Dein Herz erschrecke nicht.

Der Friede Gottes hängt nicht davon ab, ob alle Umstände perfekt sind. Er hängt nicht davon ab, ob das Zimmer genau richtig temperiert ist. Er hängt nicht daran, ob alle Menschen uns verstehen und ob unser Leben reibungslos läuft.

Der Friede Gottes kommt aus der Gegenwart Gottes. Darum endet der Aaronitische Segen mit Schalom. Gott offenbart sich im hier und im jetzt. Er ist mir dir mit uns. Denn Frieden ist die Atmosphäre, in der Beziehung leben kann.

Warum passt dieser Text so gut zum heutigen Sonntag Trinitatis? Weil wir hier das Herz Gottes sehen.

Der Vater segnet und behütet.
Der Sohn offenbart Gottes leuchtendes Angesicht und schenkt Gnade.

Der Heilige Geist legt Gottes Frieden in unsere Herzen.

Paulus schreibt: «Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.»

Ich habe heute eine Gute Nachricht zu verkündigen, ein Evangelium. Gott ist Beziehung und er lädt uns ein in Beziehung zu ihm und zueinander zu leben. Christlicher Glaube bedeutet nicht, eine Religion zu verwalten. Christlicher Glaube bedeutet: mit dem lebendigen Gott zu leben, Jesus nachzufolgen durch seinen Heiligen Geist. Der dreieinige Gott ist dir nicht fern. Er segnet, behütet, leuchtet. Er ist dir gnädig, sieht dich an. Er gibt dir seinen Frieden.

Vielleicht spürst du heute: Ich brauche diesen Frieden. Dann komm zu Jesus. Er lädt dich ein, um in Beziehung mit ihm zu leben. Vielleicht bist du äusserlich versorgt, aber innerlich leer. Vielleicht funktioniert vieles, aber tief im Herzen fehlt etwas. Vielleicht gibt es genug Brot und Wein, aber zu wenig Nähe, zu wenig Frieden.

Dann höre heute: Der lebendige Gott kennt deinen Namen. Er sieht dich. Er wendet sich dir zu. Er legt seine schützende Hand auf dich. Und er spricht seinen Segen über deinen Leben aus.

Amen.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Zwischen Himmel und Erde

Johannes 17,20–26

Eine Auffahrtspredigt über verzögerte Lebenspläne, die Einheit der Kirche und Christi bleibende Gegenwart durch den Heiligen Geist.

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Predigtmanuskript

Zwischen Himmel und Erde

Gottesdienst vom 14.05.20026 um 10 Uhr in der Kirche Oftringen

Thema: Zwischen Himmel und Erde

Heute lesen wir aus Johannesevangelium 17,20–26:

«20Doch nicht nur für diese hier bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben: 21dass sie alle eins seien, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, damit auch sie in uns seien, und so die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. 22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, so wie wir eins sind: 23ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, so wie du mich geliebt hast.

24Vater, ich will, dass dort, wo ich bin, auch all jene sind, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt. 25Die Welt, gerechter Vater, hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese hier haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.»

Liebe Gemeinde,

Das Theaterstück erzählt von Menschen, die festhängen zwischen Unsicherheit und Hoffnung und langsam begreifen: Wir sind nicht allein. Christus bleibt gegenwärtig. Herzlichen Dank nochmal an die T-Bones dafür. Ich möchte heute mit einem Traum beginnen, der mich bis heute begleitet. Zwischen Himmel und Erde - auf einer Seilbahn. Es war gegen Ende meiner Schulzeit in Bulgarien. Ich war 17 Jahre alt. Das Land war damals gezeichnet von einer schweren Hyperinflation. Vieles war unsicher. Geld verlor über Nacht seinen Wert, viele Menschen ihre Existenz. Was heute noch reichte, war morgen schon zu wenig. In dieser Zeit hatte ich einen sehr realen Traum, eine Art Vision, alles fühle sich echt an.

Ich sass im Schulzimmer ganz oben im Gebäude, an meinem Schultisch auf der obersten Etage. Während des Unterrichts geschah plötzlich etwas Merkwürdiges: Die Decke über uns öffnete sich langsam und auf einmal hoben sich die Schülerinnen und auch die Schüler nach oben. Langsam begannen wir aufzusteigen, hinein in einen offenen Himmel mit rosaroten Wolken. Vor uns lag ein Berghang. Jeder sass auf einem offenen Sessellift. Die Fahrt war ruhig, ich war zuversichtlich, hoffnungsvoll, spürte den frischen Wind in meinem Gesicht, genoss die Aussicht. Nur eine Sache begann mich zu beunruhigen. Mein Sessellift anfänglich fast ganz vorne bewegte sich langsam nach oben. Viel zu langsam, viel langsamer als die meiner Mitschüler. Eine nach der anderen zogen alle fröhlich winkend und lachend an mir vorbei, zuletzt auch mein bester Schulfreund. Ich sah, wie sie über den Hügel kamen und dahinter verschwanden. Ich war plötzlich allein unterwegs. Ich dachte mir: «Was würden die anderen oben nur machen? Hoffentlich warten sie auf mich.» Und kurz danach kam auch ich mit einem heftigen Ruck über den Hügel, auf eine schöne grüne Wiese, fand aber zu meiner Überraschung niemand mehr da. Ich hob die Augen. Vor mir lag nur ein noch grösserer, riesiger Berg. Gewaltig sah er aus, nicht zu umgehen. Ich wusste: Dort hinauf geht mein Weg. Und ich muss ihn zu Fuss gehen. Es gab keine Seilbahn mehr. Und plötzlich überfiel mich Angst. Eine tiefe, stille Angst, dass ich allein bin. Verlassen. So wie bei Tina im Theaterstück am Anfang.

Lange Zeit verstand ich den Traum nicht, aber es beschäftigte mich immer wieder, denn alles fühlte sich so real an. Damals als Jugendlicher mit 17 hatte ich viele klare Wünsche. Ich wollte studieren. Schnell fertig werden. Eine Arbeit finden. Mein eigenes Geld verdienen. Eine Familie gründen. Kinder haben. Mich in der Kirche engagieren. Ich hatte innerlich meinen Lebensplan geschrieben, meine Erwartungen an mich und an Gott.

Aber es kam ganz anders.

Ich bestand zwar die Uni-Aufnahmeprüfung in Bulgarien. Dafür hatte ich mich lange, ein ganzes Schuljahr vorbereitet: Deutsch, bulgarische Geschichte, viel Lernen, Hoffen. Und doch kam es anders. Wie fast alle meine Schulkollegen ging ich nach Deutschland, zum Studium - nach Aachen. Aus dem Plan «in drei Jahren fertig» wurden fast acht Jahre. «Wissenschaft will reifen», meinten meine Professoren. Insgesamt blieb ich elf Jahre an der Universität, bevor ich meine erste feste Stelle erhielt, und sie hatte mit meinem Studium kaum etwas zu tun, es war im Hotel.

Auch mit der Familie kam alles viel später. Ich war fast dreissig. Damals sagte man in Bulgarien scherzhaft: Bis dreissig suchst du selbst eine Braut. Danach suchen für dich die Freunde, dann die Familie, dann die Gemeinde. Und am Schluss die ganze Stadt und Republik.

Das eigene Geld kam auch nicht einfach. Lange lebte ich eher im Minus als im Plus. Wirklich stabil wurde es erst viele Jahre später in der Schweiz.

Und Kinder? Auch da dauerte es noch einmal zehn lange Jahre nach der Hochzeit, bis unsere Tochter geboren wurde.

Wenn ich heute zurückblicke, dann sehe ich: Vom Traum bis zu dem Moment, in dem ich mich hier in Oftringen in einer Kirche engagieren konnte, sind etwa fünfundzwanzig Jahre vergangen. Fünfundzwanzig lange Jahre.

Die Seilbahn meines Lebens ist tatsächlich gefahren. Aber sie fuhr nicht schnell. Sie fuhr nicht nach meinem Fahrplan. Und der Berg vor mir war oft grösser, als ich gedacht hatte.

Aber etwas blieb. Ein Versprechen. Ich bin bei dir.

Für mich ist das der Punkt, an dem ich langsam beginne Auffahrt zu verstehen. Gott hat einen Plan, aber häufig einen anderen als unser Plan. Jesus geht nicht so mit seinen Jüngern weiter, wie sie es erwartet hätten. Sie erwarten den König, der sie von den Römern befreit. Sie fragen ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit (also jetzt!) für Israel das Reich wieder her? Jesus stimmt nicht einfach zu. Aber er lässt ihnen ein Versprechen: Ich bin bei euch alle Tage, bis zum Ende der Welt.

Der heutige Predigttext führt uns mitten hinein in die letzten Stunden Jesu vor Kreuz und Karfreitag.

Aber was ist passiert?

Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs gewesen. Er wurde verraten. Gefangen genommen. Geschlagen. Gekreuzigt. Und dann geschieht das Unfassbare:

Er steht auf von den Toten. Er begegnet Maria Magdalena. Den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus. Dann den Jüngern hinter verschlossenen Türen und mehr als 500 Menschen. Dann auch extra für Thomas, der es nicht glauben kann. Und später auch wieder Petrus und Johannes am See Genezareth. Und nun, kurz vor seiner Auffahrt gibt er ihnen einen Auftrag: «Ihr werdet meine Zeugen sein.» In Jerusalem, Samarien und bis ans Ende der Welt.

Aber bevor Jesus geht, betet er für die Jünger. Johannes 17 zeigt uns das grosse Abschiedsgebet Jesu. Man nennt es manchmal das «hohepriesterliche Gebet». Und das Erstaunliche ist: Jesus betet dort nicht nur für die damaligen Jünger. Er betet für alle, die später glauben werden. Also auch für mich, für dich, für uns. Das haben wir sehr schön beim Theaterstück sehen können.

Auffahrt ist ein eigenartiges Fest. Es hat etwas Widersprüchliches an sich. Denn einerseits feiern wir Erhöhung und Herrlichkeit Christi. Andererseits erleben die Jünger Verlust. Sie stehen da, schauen in den Himmel und können lange ihre Augen nicht trauen.

Jesus geht. Er bleibt nicht sichtbar da. Und genau das kennen wir auch.

Viele von uns leben mit offenen Fragen: Warum dauert manches so lange?

Warum erfüllt sich vieles anders als gedacht? Warum scheint Gott manchmal so fern?

Wenn es etwas gibt in meinem Leben, das ich wirklich hasse, es ist mich zu verabschieden, a dio zu sagen, Auf Wiedersehen. Ich habe euch lieb, ich komme wieder. Am Bahnhof, Bushof, Flughafen, die Tränen in den Augen zu sehen. Die Frage meiner Tochter aushalten: «Könntest du nicht doch etwas länger bleiben, Pappi.»

Jesus sagt:

«Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden.» Noch bevor wir geboren wurden, hat Christus für uns gebetet. Jesus sieht seine Gemeinde durch die Jahrhunderte hindurch. Auch die kleine reformierte Gemeinde hier in Oftringen. Und für was bittet er?

Nicht zuerst um Erfolg, Wohlstand, Stärke oder Macht. Sondern: «Dass sie alle eins seien.» Warum? Weil die Welt an dieser Einheit etwas von Gott erkennen soll. Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit. Es bedeutet nicht, dass alle gleich denken müssen.

Sondern: Menschen bleiben verbunden, mit sich untereinander und mit Gott, obwohl sie unterschiedlich sind, ganz anders. Das ist heute vielleicht wichtiger denn je. Wir leben in konfliktreiche Zeiten mit grosser Zersplitterung. Politisch. Gesellschaftlich. Kirchlich. Oft sogar in Familien. Und Jesus sagt damit: Die Gemeinde soll ein anderer Ort sein. Ein Ort, an dem Menschen nicht zuerst durch Leistung verbunden sind, sondern durch Annahme, durch Gnade, durch mich.

Auffahrt ist auch ein Fest der Geduld.

Die Jünger bekommen eine Aufgabe, aber sie sollen zuerst warten. Nicht alles neu planen, sich organisieren und losrennen. Warten. Beten. Sich innerlich Vorbereiten. Das fällt uns schwer. Wir möchten heute schnelle Lösungen. Alles Gute, in grosser Menge, und zwar jetzt, Gott. Danke. Mach nun! Schnelle Antworten. Schnelle Ergebnisse. Aber Gottes Wege gehen oft langsamer als unsere Pläne wollen. Gott ist nicht unser Diener. Er ist uns nah und bleibt doch unverfügbar.

Meine eigene Geschichte hat mir das schmerzhaft beigebracht. Viele Jahre dachte ich: Jetzt müsste es doch endlich vorwärtsgehen. Aber oft ging es nur langsam. Wie diese Seilbahn im Traum, zwischen Himmel und Erde. Und vielleicht sitzt Du heute genau in so einer offenen Seilbahn. Du spürst den Wind, den Regen, den Sturm im Leben. Vielleicht wartest Du seit Jahren auf Veränderung. Auf Heilung. Auf Arbeit. Auf Frieden in der Familie. Auf Klarheit und auf neue Kraft. Und vielleicht scheint der Berg vor Dir riesig. Sei getrost. Christus sieht dich. Er sieht den ganzen Weg vor dir, das Ziel. Auch wenn du oft nur den nächsten Meter sehen kannst.

Der eigentliche Trost von Auffahrt ist nicht, dass Jesus weggeht. Das schmerzt. Sondern dass er nun anders gegenwärtig ist. Nicht mehr an einen Ort gebunden. Nicht nur in Galiläa. Nicht nur in Jerusalem. Sondern mitten unter seinem Volk. Hier. Heute. In Oftringen. In unserem Alltag. Durch seinen Geist.

Jesus sagt «Fürchte Dich nicht», denn «Ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt.»

Amen

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Gehalten vom guten Hirten

1. Petrus 2,21b–25 · Johannes 10,1–15

Der gekreuzigte und auferstandene Christus kennt, sucht und hält seine Menschen und ruft sie aus der Logik der Vergeltung in seine Nachfolge.

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Predigtmanuskript

Gehalten vom guten Hirten

«21 Denn dazu hat euch Gott berufen. Auch Christus hat ja für euch gelitten, und er hat euch ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. 22 Er hat sein Leben lang keine Sünde getan; nie kam ein betrügerisches Wort über seine Lippen. 23 Beschimpfungen ertrug er, ohne mit Vergeltung zu drohen, gegen Misshandlungen wehrte er sich nicht; lieber vertraute er sein Leben Gott an, der ein gerechter Richter ist. 24 Christus hat unsere Sünden auf sich genommen und sie am eigenen Leib zum Kreuz hinaufgetragen. Das bedeutet, dass wir für die Sünde tot sind und jetzt leben können, wie es Gott gefällt. Durch seine Wunden hat Christus euch geheilt. 25 Früher seid ihr herumgeirrt wie Schafe, die sich verlaufen hatten. Aber jetzt seid ihr zu eurem Hirten zurückgekehrt, zu Christus, der euch auf den rechten Weg führt und schützt.» 1. Petrus 2,21b–25

1 »Ich sage euch die Wahrheit«, fuhr Jesus fort: »Wer nicht durch die Tür in den Schafstall geht, sondern auf einem anderen Weg einsteigt, der ist ein Dieb und Räuber. 2 Der Hirte geht durch die Tür zu seinen Schafen. 3 Ihm öffnet der Wächter die Tür, und die Schafe hören auf seine Stimme. Der Hirte ruft jedes mit seinem Namen und führt sie aus dem Stall. 4 Wenn er alle seine Schafe ins Freie gebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. 5 Einem Fremden würden sie niemals folgen. Ihm laufen sie davon, weil sie seine Stimme nicht kennen…

11 Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte setzt sein Leben für die Schafe ein. 12 Anders ist es mit einem, dem die Schafe nicht gehören und der nur wegen des Geldes als Hirte arbeitet. Er flieht, wenn der Wolf kommt, und überlässt die Schafe sich selbst. Der Wolf fällt über die Schafe her und jagt die Herde auseinander. 13 Einem solchen Mann liegt nichts an den Schafen. 14 Ich aber bin der gute Hirte und kenne meine Schafe, und sie kennen mich; 15 genauso wie mich mein Vater kennt und ich den Vater kenne. Ich gebe mein Leben für die Schafe. « Johannesevangelium 10, 1-15

Liebe Gemeinde

Es gibt Bilder, die wir sofort verstehen. Das Bild vom Hirten gehört dazu. Auch Menschen, die sonst mit Kirche wenig anfangen können, kennen Psalm 23. Viele haben ihn an einem Grab gehört. Manche tragen einzelne Sätze seit Jahren in sich: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und doch ist das Bild vom Hirten heute auch fremd geworden. Die meisten von uns hüten höchstens die Kinder daheim,… keine Schafe mehr. Und auch das Bild vom frommen Schaf leidet ein wenig in unserer modernen Gesellschaft. Lieber ein anständiges Raubtier sein, ein Löwe, ein Bär oder mindestens ein Wolf.. Was ist schon ein Schaf? Wir leben nicht mehr wie früher mit den Schafen, bei denen, auf offenen, grünen Weiden. Heute leben wir in einem hoffentlich gut abgedichteten Zuhause, zwischen Terminen und Rechnungen, zwischen Arbeit und Familie.

Und genau darum ist dieser Sonntag wichtig. Der sogenannte Hirtensonntag erinnert uns an eine ziemlich ernste Frage: Wer führt uns eigentlich? Wessen Stimme bestimmt unser Leben? Wer sucht uns, wenn wir uns verlaufen, uns verlieren?

Der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief nimmt dieses Hirtenbild auf. Aber er tut es auf überraschende Weise. Er sagt nicht nur, das uns der Heiland tröstet, sondern auch dass er uns vorangeht. Er ist nicht nur der Hirte, der uns sucht. Er ist auch der, dessen Lebensstil wir folgen.

Darum die Leitfrage dieser Predigt:
Was heisst es, vom guten Hirten gehalten zu sein, gerade dann, wenn das Leben schwer, ungerecht oder unübersichtlich wird?

Der 1. Petrusbrief richtet sich an Christen, die unter Druck stehen. Sie leben als Minderheit. Sie erleben Fremdheit, Misstrauen, Benachteiligung. Der Brief will ihnen helfen, ihren Weg im Glauben zu finden, ohne bitter zu werden und ohne innerlich aufzugeben. Unser Abschnitt ist eingebettet in eine Mahnung an Menschen, die Unrecht erleiden. Er ist also kein Text aus geschützter Distanz. Er spricht hinein in Erfahrungen von Verletzung, Ohnmacht und Anfechtung.

Dabei gliedert sich der Text in drei Hauptaussagen.

Erstens: Christus hat gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen.
„… dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“ Der Text spricht von Nachfolge. Christus ist nicht nur Gegenstand unseres Glaubens, sondern Weg unseres Lebens. Der Weg. Der Einzige, der uns zu Gott, ja wieder Heim führt.

Zweitens: Christus hat sein Leiden nicht mit Gegengewalt beantwortet.
„ Beschimpfungen ertrug er, ohne mit Vergeltung zu drohen, gegen Misshandlungen wehrte er sich nicht; lieber vertraute er sein Leben Gott an, der ein gerechter Richter ist.“ Das ist keine Schwäche, sondern eine tiefe Form des Vertrauens: Er „stellte es dem anheim, der gerecht richtet“. Christus musste sich nicht selbst rechtfertigen, weil er sich ganz dem Vater überlassen hat.

Drittens: Christus hat unsere Sünden getragen und uns heimgebracht.
„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden … ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Am Ende steht nicht das moralische Ideal, sondern Rettung. Du warst verloren, aber du bist heimgebracht worden.

Hier berührt sich unser Predigttext mit dem Evangelium des Sonntags. Jesus sagt in Johannes 10: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Und: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir.“ Der Hirte kennt die Seinen, ruft sie, schützt sie und gibt ihnen Leben.

Zugleich steht im Hintergrund Hesekiel 34. Dort klagt Gott die schlechten Hirten Israels an: Sie weiden sich selbst, nicht die Herde; das Schwache stärken sie nicht, das Verlorene suchen sie nicht. Gott selbst kündigt an, seine Herde zu retten. Der gute Hirte ist also nicht einfach ein schönes Bild. Er ist Gottes Antwort auf menschliches Versagen.

Das Erste, was unser Text sagt, ist tröstlich. Wir glauben nicht an einen fernen Christus, sondern an einen, der uns kennt. Nicht allgemein, sondern persönlich. Jesus sagt: „Ich kenne die Meinen.“ Und Petrus sagt: „Ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“

Das bedeutet: Christus sieht auch das, was wir anderen kaum zeigen. Er kennt die Müdigkeit hinter unserem Funktionieren. Er kennt die Gereiztheit, die aus Überforderung entsteht. Er kennt die Scham, wenn etwas misslungen ist. Er kennt den stillen Neid, die heimliche Angst, die innere Leere, die Fragen, die wir nicht laut aussprechen.

Wir hier in Oftringen leben ziemlich unterschiedlich. Einige stehen voll im Beruf, mit Druck, Erwartungen und dauernder Erreichbarkeit. Andere tragen in der Familie sehr viel bei: Kinder, Eltern, Pflege, Spannungen, Sorgen um die Zukunft. Manche sind pensioniert und erleben plötzlich, wie still ein Tag werden kann. Junge Menschen stehen unter Leistungsdruck und sollen früh wissen, wer sie sind, wer sie sein wollen und am besten wie sie am schnellsten dahinkommen. Andere sind kirchlich vertraut, wieder andere vorsichtig auf Distanz. Aber eines verbindet uns: Wir verlieren leicht die Richtung.

Der Petrusbrief nennt das ohne Beschönigung: „irrende Schafe“. Das klingt im ersten Moment hart. Aber es ist ehrlicher als viele moderne Selbstbeschreibungen. Wir irren tatsächlich, verlieren uns in Nebensachen. Wir lassen uns treiben vom Tagesgeschrei. Stimmen der Angst. Stimmen des Vergleichs. Stimmen des Zynismus. Stimmen, die sagen: Du bist dir selbst der Nächste. Bloss keine Schwäche zeigen, keine Emotionen, keine Tränen. Du nimmst dir dein Recht gefälligst selbst.

Christus erwidert dem einfach mit einem.. Ich kenne dich.
Und weil ich dich kenne, suche ich dich. Auch wenn du denkst, dass du hoffnungslos verloren und einsam bist. Ich lasse dich nicht fallen.

Und nun der Satz, der aus Jesaja 53 stammt: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“

Christus hilft uns nicht bloss mit einem guten Beispiel. Er rettet uns durch sein stellvertretendes Leiden. Er trägt „unsre Sünden … auf das Holz“, schreibt Petrus. Das Kreuz ist nicht ein tragisches Ende eines edlen Menschen. Es ist Gottes Handeln für uns. Dort nimmt Christus einmalig und endgültig auf sich das, was uns von Gott trennt und besiegt den Tod. Dort trägt er Schuld, die wir nicht abtragen können, den Schmerz, der uns lähmt, unser Versagen und unsere Scham.

Gerade heute am Hirtensonntag stellen wir fest. Der gute Hirte ist nicht einfach ein liebevoller Mensch. Er ist der gekreuzigte und auferstandene Gott. Seine Güte ist teuer. Sie kostet ihn sein Leben. Johannes 10 sagt es unmissverständlich: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Darum kann er uns auch wirklich retten.

Das heisst: Deine Schuld ist am Kreuz aus Holz besiegt, Deine Vergangenheit ist seine Vergangenheit geworden, deine Wunde ist seine Wunde geworden, getilgt ist nun dein Schmerz.

Das ist Trost für den Alltag von Montag bis Freitag. Nicht weil alle Probleme verschwinden, sondern weil wir ihnen nicht mehr allein ausgeliefert sind.

Und nun kommt die Herausforderung an unserem Alltag. Petrus sagt: Christus hat uns ein Vorbild hinterlassen, „dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen“. Jetzt bist du dran, jetzt bin ich dran. Folge ihm nach.

Dieser Text ist oft missbraucht worden, um Menschen zum stillen Erdulden von Unrecht zu erziehen. So darf man ihn nicht lesen. Der Text heiligt keine Unterdrückung. Das wäre schon von Hesekiel 34 her unmöglich, wo Gott gerade die falschen Hirten anklagt, die das Schwache niederdrücken und die Herde sich selbst überlassen.

Was meint Petrus also? Er meint: Wer zu Christus gehört, muss nicht auf die Logik der Vergeltung hereinfallen. Christus hat, als er beschimpft wurde, nicht zurückgeschlagen. Als er litt, drohte er nicht. Er blieb frei von der Spirale: Verletzung – Gegenschlag – neue Verletzung.

Wie aktuell ist das. Unsere Zeit ist voller Empörung. Wie gern steigern wir uns da rein. Vieles daran ist verständlich. Es gibt genug, was wirklich empörend ist. Aber die Form unserer öffentlichen Rede hat sich verändert. Schnell urteilen, scharf zurückschlagen, Menschen auf einen Fehler reduzieren, das Gegenüber innerlich abschreiben – all das ist längst nicht nur in sozialen Medien, sondern auch im Alltag angekommen. Familiengespräche kippen. Ehen verstummen. Gemeinden reden übereinander statt miteinander.

Petrus ruft die Gemeinde auf einen anderen Weg. Nicht den Weg der Passivität. Sondern den Weg der Christusähnlichkeit. Das heisst:

Ich muss nicht immer das letzte Wort haben, nicht jede Kränkung zurückzahlen, nicht jeden Konflikt mit derselben Härte beantworten, die ich selbst erfahren habe, nicht Unrecht schönreden, aber auch nicht vom Unrecht innerlich vergiftet werden

Das ist schwer. Ja, oft schwerer als der Gegenschlag. Darum ist christliche Nachfolge nie bloss Moral. Sie ist Frucht der Gnade.

Und doch – das letzte Wort dieser Predigt ist nicht Mahnung. Es ist Verheissung.

Jesus sagt in Johannes 10: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir. Und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reissen."

Niemand wird sie aus meiner Hand reissen. Das ist eine Zusage, die trägt. Auch dann, wenn der Weg unklar ist. Auch dann, wenn wir wieder mal irrende Schafe waren.

Der gute Hirte hat sein Leben für uns gelassen. Aber nicht nur das. Er ist auferstanden. Er lebt. Und er ruft dir zu: «Du bist nicht verloren. Du bist gekannt. Du bist gehalten.»

Geh in diese Woche mit dieser Stimme im Ohr, die Stimme des Hirten, der dich kennt und trägt.

Amen.

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Dein König kommt zu dir

Sacharja 9,9–10 · Römer 13,11–12

Sacharjas demütiger Friedenskönig kommt mit den Gaben der Liebe und des Geistes in eine zerrissene und unruhige Welt.

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Predigtmanuskript

Dein König kommt zu dir

1. Einstieg: Ich war dabei, als der König kam …

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Die Sonne stand tief über Jerusalem, das Licht war staubig und golden. Die Stadt war übervoll. Pilger kamen aus allen Richtungen, Stimmen in allen Dialekten, der Geruch von Staub, Schweiss und Opferrauch hing in der Luft. Und dann ging ein Raunen durch die Menge. Einer rief: „Er kommt!“

Ich stand am Stadttor, dort, wo die Strasse von Bethanien heraufführt. Ich hatte das alte Wort des Propheten Sacharja im Ohr, das wir so oft in der Synagoge gehört hatten:

„Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem!
Siehe, dein König kommt zu dir,

ein Gerechter und ein Retter ist er,

demütig und reitet auf einem Esel,

auf einem Fohlen, einem Eselsfohlen.“ (Sach 9,9)

Und plötzlich war da tatsächlich ein Mann, der auf einem jungen Esel ritt. Kein Streitwagen, keine Soldaten, keine glänzenden Rüstungen. Nur ein einfacher Wanderprediger, umgeben von einer bunten, einfachen Schar: Fischer, Frauen, Kinder, Menschen mit leuchtenden Augen.

Die Leute rissen Palmzweige ab, legten Mäntel auf den Boden und riefen: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn!“

Und ich stand da und spürte:
Das ist er.

Das ist der König, von dem Sacharja gesprochen hat.

Nicht der König, den wir uns ausgemalt hatten – stark, militärisch, durchsetzungsfähig –, sondern der König, den Gott versprochen hat: gerecht, demütig, Frieden bringend.

Ich wusste noch nicht, wohin das alles führen würde - Kreuz, Auferstehung, Pfingsten. Aber ich spürte: Wenn dieser König wirklich bleibt, wenn er wirklich herrscht, dann wird alles anders werden. Dann hat unser müdes, zerrissenes Leben eine Hoffnung.

2. Sacharja 9: Ein König in einer zerrissenen Zeit

2.1. Die Situation Sacharjas: Kein Frieden, keine Stabilität

Sacharja lebt nicht in einer „heilen“ Welt.

Das Volk ist aus dem Exil zurückgekehrt. Jerusalem ist nicht die stolze Hauptstadt von einst, sondern eine halbfertige Baustelle. Der Tempel wird erst langsam wieder aufgebaut, die Mauern sind schwach, die politische Lage ist unsicher. Man steht unter der Herrschaft eines Grossreiches (Persien), hat keinen eigenen König mehr, keinen Nachkommen Davids auf dem Thron. Viele sind enttäuscht:
War das alles?

Dafür sind wir zurückgekehrt?

Es ist eine Zeit der Umbrüche:

- politisch instabil,

- wirtschaftlich angespannt,

- religiös verunsichert,

- gesellschaftlich zerbrechlich.

Menschen fragen sich: Wo ist Gottes Verheissung geblieben? Wo ist die Herrlichkeit, von der wir in den alten Geschichten hören? Wo ist der König, den Gott versprochen hat?

Genau in diese Situation hinein spricht Gott durch Sacharja:

„Siehe, dein König kommt zu dir …“

Nicht: „Vielleicht.“
Nicht: „Wenn ihr euch genug anstrengt.“

Sondern: „Siehe! – Schau hin! – Dein König kommt.“

2.2. Anders als erwartet: Der demütige König

Sacharja zeichnet ein radikal anderes Königsbild:

„Gerecht und siegreich ist er, demütig und reitet auf einem Esel.“

In der damaligen Welt kommen Könige auf Streitwagen, auf Kampfpferden, hinterher ziehen Armeen. Macht zeigt sich laut, stark, furchteinflössend.

Gottes König wirkt anders:

- Er ist gerecht – er steht auf Gottes Seite und auf der Seite der Schwachen.

- Er ist ein Retter – aber nicht mit Gewalt, sondern mit Frieden.

- Er ist demütig – er begegnet uns nicht „von oben herab“, er kommt uns nah.

Und dann heisst es weiter (V. 10):

„Ich werde die Streitwagen ausrotten aus Ephraim
und die Pferde aus Jerusalem;

der Kriegsbogen wird zerbrochen werden.

Und er wird den Nationen Frieden verkündigen.

Seine Herrschaft wird von Meer zu Meer reichen

und vom Strom bis an die Enden der Erde.“

Das ist gewaltig:
Gott verspricht einen König, der nicht Frieden für einige wenige, sondern Frieden für alle bringt. Einen König, der nicht neue Waffen gibt, sondern die vorhandenen zerbricht.

Mitten in einer Zeit, in der man keine Stabilität und keinen Frieden sieht, schenkt Gott eine Vision:
Der Friedenskönig wird kommen.

3. Unsere Zeit: Auch wir leben im Zwischenraum

Wenn wir ehrlich sind, ist unsere Zeit gar nicht so anders.

- Kriege und Gewalteskalationen,

- politische Unsicherheiten, Rechts- und Linkspopulismus, Polarisierung,

- wirtschaftliche Krisen, Inflation, Existenzängste,

- ökologische Bedrohungen,

- familiäre Brüche, innere Erschöpfung, Einsamkeit.

Viele leben mit dem Gefühl:
„Es ist kein wirklicher Frieden – nicht in den Nachrichten, nicht in meinem Alltag, oft nicht einmal in meinem eigenen Herzen.“

Wir leben – wie Sacharja – in einem Zwischenraum:

- Die grosse Verheissung Gottes steht.

- Aber die Vollendung ist noch nicht da.

- Wir glauben an Christus, aber wir sehen auch das Dunkle, das uns umgibt.

Genau hier wird die Botschaft von Sacharja 9 für mein Leben wichtig:

Gott sagt nicht nur damals: „Siehe, dein König kommt zu dir“,
er sagt es auch heute:

Dein König kommt zu dir! In deine Unruhe, in deine Unsicherheit, in deinen Unfrieden.

Und dieser König, Jesus Christus, bringt dir zwei Geschenke mit.

4. Die zwei Geschenke des Königs: Das neue Gesetz der Liebe und sein Geist

4.1. Das Geschenk der Liebe – das neue Gesetz im Herzen

Das ist das erste Geschenk des Königs:
Nicht einfach ein neuer Katalog von Vorschriften, sondern eine neue Kraft der Liebe.

Es ist versteckt, im reformierten Gesangbuch, unter Nr. 847. Die Verheissung des neuen Bundes (Jeremia 31), das Gott mit seinem Volk Israel schliesst und an der wir durch Jesus Christus teil haben dürfen:

„Es kommen Tage, spricht der Herr, da will ich einen neuen Bund schliessen mit meinem Volk …
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.

Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

… Sie werden mich alle kennen, vom Kleinsten bis zum Grössten.“

Das ist das Wunder:
Gott schreibt sein Gesetz nicht mehr nur auf Steintafeln, nicht nur in Bücher, sondern in Herzen.

Er prägt uns von innen her.

Der neue Bund ist ein Bund der Liebe:

- nicht „Du musst lieben, sonst …“,

- sondern: „Ich schenke dir die Liebe, mit der du lieben kannst.“

Der Friedenskönig bringt dieses Geschenk:
Er nimmt das harte, verstockte Herz und schenkt ein Herz, das schlagen kann im Takt von Gottes Liebe.

4.2. Das Geschenk des Geistes

Das zweite Geschenk ist der Heilige Geist.

Johannes der Täufer erkennt Jesus und sagt:

„Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr;
der aber nach mir kommt, ist stärker als ich.

… Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.“ (vgl. Mt 3,11; Lk 3,16)

Johannes sieht:
Dieser König ist nicht nur Lehrer, nicht nur Vorbild.

Er ist der, der den Geist Gottes schenkt – Gottes Gegenwart in uns.

Der Geist

- tröstet,

- richtet innerlich auf,

- führt in die Wahrheit,

- schenkt Gaben (1Kor 12),

- lässt in uns die Früchte des Geistes wachsen (Gal 5,22):
Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.

Der Geist ist Gottes innerer Frieden in einer äusseren unruhigen Welt.

Der König kommt also nicht mit Streitwagen, sondern mit etwas viel Mächtigerem:

- mit der Liebe, die Herzen verändert,

- mit dem Geist, der Menschen neu macht.

5. Leben im Licht des kommenden Tages (Röm 13,11–12)

Paulus knüpft in Römer 13 direkt an diese Geschenke an, wenn er sagt:

„Und dies tut, da ihr die Zeit erkennt:
Die Stunde ist da, aufzustehen vom Schlaf;

denn jetzt ist das Heil uns näher als damals, als wir gläubig wurden.

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen.

So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ (Röm 13,11–12)

Er sagt:
Ihr lebt in einer Zwischenzeit – wie in der Morgendämmerung:

- Die Nacht ist noch da, aber sie geht.

- Der Tag ist noch nicht voll da, aber er kommt.

Weil dieses Licht kommt, sollen wir „anders“ leben:

- nicht in „Werken der Finsternis“ (Selbstsucht, Hass, Gleichgültigkeit, zerstörerische Worte),

- sondern als Menschen des kommenden Tages – Menschen der Liebe, Menschen des Geistes, Menschen des Friedens.

Die zwei Geschenke – Liebe und Geist – sind genau das, was wir brauchen, um so zu leben:

- Die Liebe erfüllt das Gesetz.

- Der Geist macht uns fähig, im Licht zu leben.

6. Übertragung: Was heisst das konkret für uns?

1. In einer Welt ohne Frieden ermutigt uns der Friedenskönig, seine Ruhe im Herzen anzunehmen.
Nicht als Gefühl, das wir haben, sondern als Geschenk.

Christus sagt: „Meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht“

2. In einer Gesellschaft der Härte und Kälte schenkt er uns sein Liebesgesetz in unsere Herzen.
Nicht äusserer Druck, sondern innere Wandlung:

Wir dürfen bitten: „Herr, fülle mich mit deiner Liebe. Lehre mich lieben, wo ich keine Kraft habe.“

3. In unserer persönlichen Zerrissenheit schenkt er seinen Geist.
Der Geist will:

- trösten, wo wir verletzt sind,

- korrigieren, wo wir verstrickt sind,

- stärken, wo wir schwach sind,

- senden, wo wir gebraucht werden.

4. Im Blick auf die Zukunft leben wir als Menschen der Hoffnung:
„Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.“

Jesus ist gekommen – und er wird wiederkommen.

Wir leben gewissermassen zwischen Palmsonntag und Wiederkunft.

7. Schluss: Ich warte auf den König – Zeitzeuge der Zukunft

Lasst mich zum Schluss noch einmal in die Rolle des Zeitzeugen gehen, dieses Mal nicht zurück nach Jerusalem, sondern nach vorne in die Zukunft.

Ich spüre: Die Dunkelheit dieser Zeit war real - Kriege, Tränen, zerbrochene Beziehungen, innere Kämpfe.
Aber jetzt geschieht etwas.

Ich höre seine Stimme:

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.
Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet,

zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir“ (Offb 3,20)

Ich merke:
Er steht an der Tür meines Herzens.

Nicht als harter Herrscher, nicht als fordernder Prüfer –

sondern als der Friedenskönig, der vor langer Zeit auf einem Esel in Jerusalem eingeritten ist

und der jetzt zu mir persönlich kommt.

Er kommt nicht mit leeren Händen:

- In der einen Hand hält er das Geschenk der Liebe:
„Ich will mein Gesetz in dein Herz schreiben.

Ich will dir ein neues Herz geben.

Du musst dich nicht selbst retten, nicht selbst perfekt lieben.

Ich schenke dir meine Liebe.“, sagt er mir.

- In der anderen Hand hält er das Geschenk des Geistes:
„Ich will in dir wohnen.

Ich will dein Tröster sein, deine Kraft, dein Licht im Dunkel.“

Er sagt zu mir:
„Lässt du mich hinein?

Auch in deine Wunden?

Auch in deinen Unfrieden?

Auch in deine Schuld, deine Scham, deine Angst?“

Ich mache die Tür auf. Äusserlich bleibt vieles unruhig:

- die Nachrichten berichten weiter von Krisen,

- Konflikte lösen sich nicht magisch über Nacht,

- Mein Leben bleibt begrenzt.

Aber innerlich beginnt etwas Neues:

- Der Friedenskönig nimmt Wohnung in mir.

- Sein Geist beginnt zu wirken.

- Seine Liebe fängt an, mein Denken, Fühlen, Handeln zu prägen.

Ich werde mitten in einer unruhigen Welt zu einem Menschen des Friedens.
Nicht, weil ich so stark bin,

sondern weil er in mir lebt.

8. Einladung

Darum die einfache, aber entscheidende Frage zum Schluss:

- Lässt du den König hinein?

- Öffnest du ihm deine Tür neu - vielleicht zum ersten Mal, vielleicht ganz bewusst wieder?

Er drängt sich nicht auf.
Er klopft an.

Amen

Predigt
Deutsch
Kurzfassung

Glaube sieht den Unsichtbaren

Hebräer 11

Am Beispiel von Rahab, Hiob und Corrie ten Boom wird Glaube als Vertrauen auf den unsichtbaren Gott sichtbar, das in mutiges Handeln führt.

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Predigtmanuskript

Glaube sieht den Unsichtbaren

Glaube sieht Den Unsichtbaren

Vor einiger Zeit ist mir das Buch «The Hiding Place» von Corrie ten Boom in die Hände gekommen. Corrie, die Erzählerin stammt aus Haarlem, Niederlande. Ihre Familie führt ein Uhrmachergeschäft und lebt schlicht, aber tief verwurzelt im christlichen Glauben. Sie sind warmherzig, üben Gastfreundschaft und Nächstenliebe. Vater Casper prägt die Kinder mit einer klaren, gelebten Frömmigkeit. Von klein auf lernen Corrie und ihre Geschwister, Gott zu vertrauen und anderen zu dienen. Die Familie lebt bescheiden, aber mit weitem Herzen für Bedürftige. Corrie engagiert sich in der Jugendarbeit und wird erste lizenzierte Uhrmacherin der Niederlande. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten im Jahre 1940 ändert sich alles. Bedrohung und Repression gehören zum Alltag. Die Familie ten Boom entschliesst sich, Juden und Verfolgten zu helfen. Im oberen Stock des Hauses wird ein Geheimzimmer hinter einer falschen Wand gebaut. Dieses Zimmer dient als Unterschlupf für Juden und Widerstandskämpfer. Immer wieder kommen Menschen, die Schutz suchen. Corrie und ihre Schwester Betsie nehmen sie auf – trotz ständiger Lebensgefahr.

Die Geschichte hat es in sich. Es erzählt vom Glauben einer Familie in dunkle Zeiten. So wie Corrie ten Boom mitten im Sturm ihres Lebens Gott vertraute, hat es auch der Chor eben gesungen: “Through the storm of life lead me into your light, when I am weak, make me strong.” Bevor ich das Ende der Geschichte verrate, möchte ich mich zunächst dieses zentrale Thema widmen. Was ist der Glaube? Wenn man nach einer Definition sucht, so findet man eine in Hebräerbrief Kapitel 11. Der Glaube wird beschrieben als feste Gewissheit in Dingen, die man nicht sieht. Nun folgt eine Aufzählung von Glaubensväter und Glaubensmütter, bei denen auch zunächst Sarah und später auch Rachab vorkommen. Es wird über Rachabs rettender Glaube berichtet.

Wer war Rahab? Die Bibel erzählt uns in Josua 2,1 kurz ihre Geschichte. Die Geschichte einer Fremden, Aussenseiterin, Prostituierten, die Geschichte einer Frau, die nicht die besten Voraussetzungen im Leben hatte. Sie war weder besonders gebildet, noch besass sie gross Reichtümer, von den Menschen verachtet, von der Gesellschaft ausgestossen. Eines Tages hörte sie die Kunde von einem Gott, den sie bis dahin nicht kannte. Die Botschaft traf sie mitten im Herzen, so stark, dass ihr der Atem ausblieb. Sie hat gehört, dass dieser Gott das Wasser des Schilfmeers austrocknen liess und mit starker Hand sein Volk aus der ägyptischen Gefangenschaft herausgeführt hat. Sie erkennt, dass er allmächtig ist, Herrscher oben im Himmel und unten auf der Erde, stärker als die Götter, die sie kannte und verehrte. Und genau in diesem Moment klopft es an ihre Tür. Zwei Männer, Judäer, Kundschafter, stehen vor ihr. Auf der Flucht, verfolgt, angewiesen auf Hilfe. Sie sind Boten dieses Gottes, von dem sie gehört hat. Rahab hört, sie erkennt, und sie handelt. Sie nimmt die Kundschafter auf, sie verbirgt und rettet sie, riskiert dabei ihr eigenes Leben. Auf diese Weise findet ihr Glaube einen praktischen und einen prophetischen Ausdruck. Rahab hängt ein rotes Seil ins Fenster ihres Hauses als Zeichen des Friedens und als Zeichen, das Rettung herbeiführt. Viele Jahre später wird Gott seinen eigenen Sohn senden, als rettendes Seil vom Himmel, rot geworden vom Blut, dass Jesus für uns am Kreuz vergossen hat. Rahab findet Zuflucht, Annahme, Schutz und eine neue Familie. Sie bringt Boas zur Welt, jener Boas, der Ruth heiratet, die Moabiterin, Schwiegertochter Noomis und die Urgrossmutter von König David. Sie geht im Stammbaum von Jesus Christus ein, als eine der vier Frauen, die extra genannt werden – Tamar, Rahab, Ruth und Batseba. Frauen, mit zweifelhaftem Ruf aber einem grossen Herz und tiefen Glauben.

Nun, was ist der Glaube und wie unterscheidet sie sich von der Hoffnung z.B? Die letzte ist im Glauben eingebettet. Die Hoffnung bringt den Inhalt, das Ziel, die Vision zustande. Der Glaube stellt das Vertrauen dar, das diese trägt, die verändernde Kraft, dass die Hoffnung ermöglicht. Wie ein Ingenieur, der vor der Aufgabe steht, eine neue Strasse von A nach B zu bauen. Er nimmt mit den äusseren Augen nichts Besonderes wahr - es gibt weder Asphalt noch eine Brücke. Doch seine inneren Augen sehen bereits ins Unsichtbaren. Im Kopf hat er schon ein Bild gezeichnet. Innerlich sieht er die fertige Strasse, das Auto, das darauf fährt. Dieses Bild ist die Hoffnung: die Vision vom Ziel. Dass er Pläne zeichnet, Material bestellt und tatsächlich baut, ist Zeichen seines Glaubens: er handelt auf Grundlage seiner Vision. Glaube ist also hier veränderndes Handeln.

Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist – dass das Sichtbare seinen Ursprung im Unsichtbaren hat. Glaube ist also Zeugnis vom unsichtbaren Gott.

Das sehen wir auch in der Geschichte Hiobs. Er hat Leid erfahren wie kaum ein anderer: Verlust seiner Kinder, seines Besitzes, seiner Gesundheit. Freunde verdächtigten ihn, Gott habe ihn verworfen. Und doch klammert er sich fest an Ihn. Inmitten seiner Not bekennt er:

«Ich aber weiss: Mein Anwalt lebt, und zuletzt wird er sich über dem Staub erheben.

26Und nachdem meine Haut so zerschunden wurde, werde ich Gott schauen ohne mein Fleisch.

27Ich werde ihn schauen, und meine Augen werden ihn sehen und niemand sonst.

In meinem Innern verzehren sich meine Nieren.»

Hiob bezeugt den Unsichtbaren, den er im Glauben erkennt. Und am Ende seines Weges bekennt er:

«Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört,
doch nun hat mein Auge dich gesehen.» (Hiob 42,5)

So wird Hiobs Leben selbst zum Zeugnis.

Erlauben sie mir ein persönliches Zeugnis. Wie sie wissen, konnten meine Eltern lange Zeit keine Kinder haben. Meine Frau und ich konnten jedoch auch acht Jahre lang kleine Kinder haben. Die Geschichte wiederholte sich. Unterschiedliche Tests bezeugten mir zwischen 0,1 und 0,01 positive Wahrscheinlichkeit. Nach Jahren schlich sich Hoffnungslosigkeit in meinem Leben ein. Es wurde schwierig. Nach einem kurzen Gebet an Gott bei einer meiner Bulgarienbesuche jedoch flammte ein Funken Glauben auf, so klein wie ein Senfkorn. Ich hatte Gewissheit, dass der unsichtbare Gott mehr ist als jede Wahrscheinlichkeitsrechnung. So kam es dazu, dass Anfang Januar 2021 unsere Tochter nach einer sehr schwierigen Schwangerschaft zur Welt kam. Wir gaben ihr den Namen Yoana, als Erinnerung an Gott der gnädig ist.

Damit Menschen glauben, braucht es das Hören des Wortes, es braucht Verkündigung. Predigerinnen und Prediger sind Gesandte, Diener am Wort Gottes. Sie sähen den Samen der Botschaft vom Königreich Gottes und es fällt auf dem Boden unseres Herzens. Ich wünsche mir, dass dies in unserem Leben Realität wird. Der Glaube ist also der gute Baum, der aus dem Samen der guten Botschaft erwächst und gute Früchte bringt. Unter seinen Ästen finden die Vögel Zuflucht. Das menschliche Herz ist die Schatzkammer des Glaubens. «Mehr als alles, was zu bewahren ist, behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus» wie es in Sprüche 4,23 steht.

Glaube bedeutet, das Evangelium nicht nur innerlich anzunehmen, sondern es auch sichtbar zu bekennen. Das Wort ist dir nahe – nicht fern, unerreichbar oder abstrakt. Es lebt in deinem Herzen als Vertrauen und kommt über deine Lippen als Bekenntnis. Glaube heisst, tief überzeugt zu sein, dass Gott mich liebt, mich annimmt und mir durch Jesus Opfer Rettung schenkt.

Die Geschichte der niederländischen Familie nimmt im Gegensatz zur jene von Rahab kein gutes Ende. 1944 verrät ein Kollaborateur die Familie. Die Gestapo stürmt das Haus, die Juden im Versteck überleben, aber die Familie wird verhaftet. Vater Casper stirbt kurz danach. Corrie und Betsie werden nach KZ Ravensbrück deportiert. Extreme Kälte, Hunger, Krankheiten. Betsie stirbt im Lager, Corrie überlebt und vergibt, sogar einem ehemaligen KZ-Wärter, der sie darum bittet.

Sie wusste: Der Gott, an den sie fest glaubt, ist mehr als das, was sie mit den äusseren Augen sehen konnte. Er handelt im Verborgenen, verändert Menschenherzen und führt uns wieder zu sich. Er bringt uns nach Hause. Davon hat auch der Chor im letzten Lied gesungen: “On the cross of Calvary Jesus died for me… Hallelujah I am free.” und “Let the heaven light shine on me.” Am Kreuz von Golgatha starb Jesus für mich. Hallelujah, ich bin frei. Lass das himmlische Licht auf mich scheinen, auf dem Weg hinauf zu der hellen Himmelswelt.

Amen.